Predigt von Altoberin Sr. Ruth Sommermeyer, Kloster Lehnin 2006

Predigt von Altoberin Sr. Ruth Sommermeyer, Kloster Lehnin,
am 8. April 2006, 9:30 Uhr, in der St. Marien – Klosterkirche für die Konventsmesse des Konventes „Gregorianik, Fasten und Körperarbeit“ 2006;
Liturg: Sup. Uwe Teichmann, Lehnin

Text: Mark 15, 20-22
Und da sie Jesus verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpur aus und zogen ihm seine eigenen Kleider an, und führten ihn hinaus, da sie ihn kreuzigten, und sie zwangen einen, der vorüber ging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Felde kam – der war der Vater des Alexander und des Rufus -, dass er ihm das Kreuz trüge. Und sie brachten ihn an die Stätte Golgatha, das ist verdolmetscht: Schädelstätte.

Die flache Seite der Lanze hatte ihn an der Schulter berührt. Jeder konnte auf diese Weise in dem von Römern besetzten Palästina zu einer Dienstleistung gezwungen werden. Simon von Kyrene hatte sich diesen Tag kurz vor dem Fest anders ausgemalt. Er war in so freudiger Erwartung auf das Passahfest. Vieleiht hatte er lange für die Reise gespart, um sich einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen und an dem Fest teilzunehmen. Der Weg aus dem fernen Afrika nach Palästina hatte ihn durch Wüste geführt. Für ihn war das eine Vorbereitung auf das Fest. Fasten und Schweigen. Gertrud von le Fort hat einmal gesagt: Schweigen ist die Sprache der Ewigkeit. – Lärm geht vorüber.
Und Frére Roger sagte seinen Brüdern: Wenn sich das Schweigen Gottes einstellt, heißt in ihm ausruhen schon an die Oase kommen, wo ER den Durst stillt. Die Gregorianische Woche war für sie gewiß eine Zeit der Vorbereitung auf das Fest. So haben wir etwas gemeinsam mit Simon. An die Oase kommen, wo ER den Durst stillt. Bis auf den Augenblick, in dem die flache Seite der Lanze Simons Schulter berührt. – Jetzt wird alles anders. Natürlich hatte der Reisende sich schon in die Menge der Menschen begeben. Natürlich hatte Simon wahrgenommen, dass da einer hingerichtet werden soll. Aber das betraf ihn nicht persönlich. Überhaupt nicht. – Hinrichtungen waren etwas Normales und Unterhaltendes. Sie gehörten dazu wie die Kirchenmusik zu Karfreitag und Ostern in unserer Zeit. Unterhaltsam mit einer Qualität, die sie zum Genuß werden lässt. – und zwangen einen, der vorüber ging, Simon von Kyrene, dass er ihm das Kreuz trüge. Jetzt trifft den Simon ganz persönlich, was da geschieht. Jetzt kann er sich von Karfreitag nicht mehr distanzieren. Was mag da in ihm hochgekommen sein? Haß, Wut, Ärger? Auf die Römer, auf den Verurteilten, auf die ganze verflixte Situation. Bonhoeffer schrieb an seine Braut: „Gottes Heil ist etwas anderes, als die Erfüllung unserer Wünsche. – Zunächst sind alle persönlichen und allgemeinen Hoffnungen zerschlagen. Nun wartet ein viel schwererer Weg auf mich und doch führt auch solcher Weg nicht weg von Gottes Heil, sondern auf diesem Weg kommt uns Gottes Heil entgegen.“ Bonhoeffer war einer, der es für Jesus getragen hat, was ihm auferlegt war. …Daß er ihm das Kreuz trüge… steht in der Bibel. Bis zur Schädelstätte Golgatha hat Simon für Jesus das Kreuz getragen. Irgend etwas muß dabei passiert sein. Wir wissen es nicht. Wir ahnen nur, dass Jesus selbst das Herz angerührt hat. Jetzt bekommt der auf ihn ausgeübte Zwang eine viel tiefere Berührung, als die an der Schulter. Wer erkennt, dass Jesus für ihn, für ihn ganz persönlich die dunkelsten Karfreitagsstunden erlitten hat, der erkennt das Heil Gottes. Der darf wissen: „ich bin erlöst. Nichts meiner vielen Sorgen und Probleme, nichts was mir zum augenscheinlichen Druck auf meiner Schulter oder zu einem lebenslänglichen Kreuz auferlegt ist, kann mich von der Liebe Gottes scheiden. Dieses Vertrauen ist dem Simon wahrscheinlich Golgatha von Jesus geschenkt worden. Denn für die Urgemeinde wurde sein Name in den Kanon des NT aufgenommen. Nicht zufällig wird er als der Vater des Alexander und des Rufus bezeichnet. Paulus schreibt später an die Römer 16,13: Grüßet Rufus, den Auserwählten in dem Herrn und seine Mutter, die auch mir Mutter war. Und in Apostelgeschichte 13,1 bei der epochemachenden ersten Missionsreise von Paulus und Barnabas wird auch Simon, genannt Niger, angeführt. Niger war die übliche Bezeichnung für alle Dunkelhäutigen, die aus Afrika stammten – Kyrene aber lag in Afrika.
Ist es nicht phänomenal, dass Gott Kreuzträger dazu beruft seine Gemeinde, sein Reich auf Erden zu bauen? Ich lese einmal das Wort der Apostelgeschichte, damit sie es mir abnehmen: „Es waren aber zu Antiochien in der Gemeinde Propheten und Lehrer, nämlich Barnabas und Simon, genannt Niger, und Lucius von Kyrene und Manahen. Da sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, dazu ich sie berufen habe. Da fasteten sie und beteten und legten die Hände auf sie und ließen sie ziehen.
Damit, liebe Schwestern und Brüder, sind wir bei dem Reisesegen, den Sie zum Abschluß ihrer gregorianischen Fastenwoche bekommen werden.
Ich wünsche uns allen, dass wir auch in Zukunft oft und viel singen. Anselm Grün sagt: „Im Singen lassen wir die Auferstehung in den Leib hinein. Im Singen bricht sich der Auferstandene durch den Stein hindurch, der vor unserem Herzen liegt und blockiert. Während wir singen, können wir das Leben in uns spüren und die Liebe. Denn die Liebe will und muß singen. Der Verstand kann nur reden. Im Singen wächst die Liebe in uns zu dem, den wir besingen. Wir spüren, der Auferstandene ist wirklich unter uns, ja er ist in uns. Und damit geschieht die Auferstehung an uns. Jesus Christus geht mit mir aus meinem Grab. Ich kann nun meine eigenen Schwellen überspringen, ich kann heraus aus mir, ich spüre Leben in mir. Es blüht etwas auf in mir. Ich muß einfach singen, um diesem Leben in mir Raum zu geben.“
Amen.
Gebet: Segne, was meine Liebe braucht, segne, worauf meine Hoffnung ruht, Du König der Könige, segne das Ziel, für das ich jetzt lebe.
Lied: Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha (EG 93)

Sr. Ruth Sommermeyer, Lehnin

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